Das Selbstgespräch

In der Straßenbahn sitzt jemand hinter mir, der zwar etwas spricht, aber eindeutig nicht telefoniert. Ein mitgehörtes Telefongespräch, dessen Zeuge man ungewollt an öffentlichen Orten wird, hört sich anders an. Dieser Mensch wundert sich über etwas, dann wird er ein wenig lauter, offensichtlich verärgert, dann versinkt er wieder im resignierten Murmeln. Es lassen sich vielleicht einzelne Worte erkennen, aber der ganze Sinn seines Selbstgespräches bleibt nur für ihn als ein persönlicher Zusammenhang erkennbar. Er scheint, ein Gegenüber in sich zu haben, das antwortet.

 

Das erkennt man an den Strecken der Stille, die in unregelmässigen Abständen einbrechen, als wenn er lauschen würde. Dann wieder sein Statement, diesmal lauthals, nur ein Paar Worte, aber manche der Menschen um ihn herum drehen sich nach ihm, manche heben den Kopf kurz von ihrem Smartphone hoch, die Blicke erstaunt, manche leicht ängstlich. Es mag sein, dass dieser Mensch eine Krankheit in sich trägt, die sich so äußert. Aber er scheint in einer tiefen Verbindung mit etwas zu sein, was augenscheinlich nicht in der uns gewohnten Form anwesend ist. Dieser Mensch führt ein Selbstgespräch, das ihm möglicherweise hilft, sich nicht vollständig im inneren Chaos zu verlieren. Allein die Formung von Worten, die für ihn eine Bedeutung haben, schafft ein Gegenüber. Ja, genau: allein das eine Wort, das man mit den eigenen Lippen formt und ausspricht und  sich selbst hört, ist ein Akt der Schöpfung eines Gegenübers. 

 

Das Wort als Gegenüber.
Wie lernen wir überhaupt die Sprache, die Worte, die Sätze? Wenn wir uns als Kleinkinder in der Phase der Welterkundung befinden, werden Namen von Dingen, zum Beispiel einer Tasse, immer wiederholt, obwohl der Gegenstand mal von der einen, mal von einer anderen Perspektive erscheint. Steht die Tasse auf dem Tisch, der Henkel zeigt nach rechts, sagt die Mama: Tasse. Liegt es auf der Seite und das Kind sieht nur den runden Boden von unten, sagt die Mama erneut: Tasse. Schauen wir hinein, in den vom ausgetrunkenen Kakao noch warmen Schlund, mit den dunklen Rändern der Kakaoreste, sagt die Mama wieder: Tasse. Jedesmal, wenn wir dieses Ding von einer leicht anderen Perspektive anschauen, erzeugen wir eine andere Empfindung in uns. Das Ding mit dem Henkel nach rechts, fühlt sich anders an, als wenn ich die glänzende Rundung des Tassenbodens in mich aufgenommen habe. Ich habe einmal jemanden gehört, der im Bezug auf eine Kunstausstellung sagte: „Ich habe so ein rundes, grünes, nach Karamell riechendes Gefühl.“ 
150 150 lisa