So wie die Aussenwelt mir zeigt, wo ich bin, zeigt mir meine innere Landschaft, wer ich geworden bin. Ich muss nur lernen, sie zu lesen.

Wir bewegen uns im Raum. Wir sind immer im Raum. Gleichermassen in dem, der in uns ist. Sowohl der gegenwärtige, als auch der, der aus unserer Raumerfahrungen in uns Zeit unseres Lebens entsteht. Fortwährend. In dem sich unsere Eidrücke in uns aufsammeln, überlagern, ineinander verweben, durch sich hindurch scheinen. Wie viele Höfe und Häuserecken, Zimmer und Säle, Sonnenuntergänge am Meer und Waldlichtungen am Sonntag nachmittag, Museumscafés elegant mit dem gedämpften Geräusch des klimpernden Geschirrs untermalt und der Bahnhofstoiletten haben sich in uns abgebildet. Samt Raumgefühl, Geruch, Geräusch und der unbestimmten, vielleicht leicht beunruhigenden Stimmung, die in uns während wir dort waren, aufgetaucht ist.

 

 

Henri Bergson spricht von der durée, der Dauer. Unser Innenraum ist Zeit unseres Lebens aktiv. Er schläft nicht. In der Nacht räumt er sich auf, indem ein gefühlter Chaos entsteht. In dem Wachzustand bildet sich der von uns bewohnter Raum ab. Als Eindruck, später Erinnerung. All das erzeugt eine Melange aus sinnlichen Erfahrungen in uns, mehr oder minder dicht oder übersichtlich. Gewisse Episoden unserer Kindheit sind in ins genauso gegenwärtig, wie das letzte Wochenende. Es verwundert uns manchmal, wenn – mir nichts, dir nichts – eine gewisse Stimmung in uns auftaucht, die doch mit dem jetzigen Moment nichts zu tun hat. Und trotzdem ist sie für uns auf eine eigentümliche Weise real. Diese Stimmung, dieses gewisse innere Klima, dieses wohlig beruhigende Gefühl, oder im Gegenteil, diese ganz bestimmte leise Warnung, die irgendwann mal nichts Gutes verhieß.
150 150 lisa